Am 22. September 2026 begab sich der Militärhistoriker Ralf Anton Schäfer gemeinsam mit Diane Owens, der Enkelin des amerikanischen Soldaten PFC Santos Ramos Gomez, auf eine besondere Spurensuche durch den ehemaligen Brückenkopf von Remagen.
Santos Ramos Gomez gehörte zur G Company des II./39th Infantry Regiment der 9th U.S. Infantry Division. Im März 1945 war seine Einheit an den schweren Kämpfen östlich des Rheins beteiligt. Am 14. März 1945 wurde Gomez im Raum Kalenborn verwundet.
Schäfer hatte zuvor anhand amerikanischer Kriegstagebücher, Gefechtsmeldungen, Karten und weiterer zeitgenössischer Unterlagen versucht, den Einsatzweg von Gomez vom Rheinübergang bis zu seiner Verwundung möglichst genau zu rekonstruieren. Nun sollte seine Enkelin erstmals selbst jene Orte sehen, an denen ihr Großvater vor mehr als 80 Jahren gekämpft hatte.
Begleitet wurde Diane Owens von Gene Carbone und Udo Bickers. Ebenfalls dabei war Schäfers Freund Jürgen, ehemaliger Oberst und langjähriger Berufssoldat der Bundeswehr.
Vom Rhein nach Bruchhausen
Die Spurensuche begann in Erpel an den Resten der Ludendorff-Brücke und am Eisenbahntunnel. Das 39th Infantry Regiment hatte am 10. März 1945 den Rhein überschritten. Von dort führte der damalige Vormarsch über Unkel und Scheuren in Richtung Bruchhausen.
In Bruchhausen wurde die Gruppe vom amtierenden Ortsbürgermeister Stefan Heinrichs und dem ehemaligen Ortsbürgermeister Adalbert Fuchs empfangen. Gemeinsam beschäftigte man sich mit der Geschichte des Ortes und den schweren Kampfhandlungen im März 1945.
Schäfer hatte einige zeitgenössische Kampfmittel aus seiner Sammlung mitgebracht, darunter eine deutsche Stielhandgranate und Gewehrgranaten. Gerade die Stielhandgranate löste bei Diane Owens eine sehr persönliche Erinnerung an ihren Großvater aus.
Ein Erlebnis, das Santos Ramos Gomez sein Leben lang begleitete
Während des Krieges befand sich Santos Ramos Gomez gemeinsam mit mehreren Kameraden in einem Schützenloch. Noch bevor eine deutsche Handgranate in ihre Stellung fiel, hatte er gebetet.
Die Granate explodierte. Seine Kameraden kamen ums Leben, Gomez selbst blieb unverletzt.
Er war überzeugt, dass die Gottesmutter Maria ihn beschützt hatte. Deshalb versprach er, nach seiner Rückkehr auf den Knien in eine Kirche zu gehen. Er überlebte den Krieg – und hielt sein Versprechen.
Diese Geschichte machte während des Besuches eindrucksvoll deutlich, wie unterschiedlich militärische Akten und das persönliche Erleben eines einzelnen Soldaten sein können. Kriegstagebücher dokumentieren Angriffe, Verluste und Geländegewinne. Sie können jedoch kaum festhalten, was ein einzelner Soldat in einem Schützenloch dachte, was er empfand und welche Erlebnisse ihn später ein ganzes Leben lang begleiteten.
Eine besondere Überraschung
Während des Aufenthalts in Bruchhausen überreichte Ralf Anton Schäfer Diane Owens die vollständige militärhistorische Arbeit, die er über den Einsatzweg ihres Großvaters zusammengestellt hatte.
Diane hatte mit dieser Übergabe nicht gerechnet und war sichtlich bewegt.
Doch auch sie hatte eine Überraschung vorbereitet: Sie überreichte Schäfer einen besonderen Erinnerungsrahmen mit einem Foto ihres Großvaters, einem amerikanischen Half Dollar aus dem Jahr 1944 und der Urkunde zu seiner Bronze Star Medal.
Santos Ramos Gomez war außerdem Träger des Purple Heart. Während des Krieges wurde er zweimal verwundet.
Der Ehrenfriedhof von Bruchhausen
Anschließend besuchte die Gruppe den Ehrenfriedhof bei Bruchhausen. Dort ruhen mehr als 70 deutsche Soldaten, die während der Kämpfe im März 1945 gefallen waren.
Unter ihnen befinden sich mehrere Soldaten des Jahrgangs 1927. Sie waren zum Zeitpunkt ihres Todes erst 17 oder 18 Jahre alt.
Der Besuch machte auf eindringliche Weise deutlich, dass hinter den Zahlen und militärischen Ereignissen immer einzelne Menschen standen – junge Männer mit Familien, Hoffnungen und persönlichen Geschichten.
Auf den Spuren des Vormarsches nach Kalenborn
Von Bruchhausen aus folgte die Gruppe weiter dem damaligen Einsatzweg des 39th Infantry Regiment über die Gutshöfe Hohenunkel und Haanhof bis auf die Höhen vor Kalenborn.
Vor Ort konnte Schäfer anhand des Geländes erläutern, unter welchen Bedingungen die amerikanischen Soldaten zwischen dem 11. und 14. März 1945 kämpfen mussten.
Das II./39th Infantry Regiment, zu dem Gomez gehörte, versuchte in diesen Tagen mehrfach, in Richtung Kalenborn vorzustoßen. Die bewaldeten Höhen, wenigen Straßen und zahlreichen Geländeeinschnitte erschwerten die amerikanischen Angriffe erheblich.
In diesem Gefechtsraum wurde Santos Ramos Gomez am 14. März 1945 verwundet. Der genaue Ort und die unmittelbaren Umstände seiner Verwundung lassen sich anhand der bislang bekannten Unterlagen nicht zweifelsfrei feststellen. Gesichert ist jedoch, dass seine G Company an diesem Tag an den schweren Kämpfen im Raum Kalenborn beteiligt war.
Mehr als eine historische Spurensuche
Für Diane Owens war es nach mehr als 80 Jahren ein besonderer Moment, selbst in dieser Landschaft zu stehen und den Weg ihres Großvaters vom Rhein bis in seinen letzten Gefechtsraum nachzuvollziehen.
Auch für den Militärhistoriker Ralf Anton Schäfer war dieser Tag mehr als eine gewöhnliche historische Exkursion.
Aus der Beschäftigung mit einem Namen in amerikanischen Kriegstagebüchern war eine persönliche Begegnung mit der Familie des Soldaten geworden.
Was als militärhistorische Spurensuche begann, endete mit einer Freundschaft über den Atlantik hinweg.
„Dieser Besuch hat uns sehr bewegt und viel bedeutet. Wenn sich Menschen auf die Spuren ihrer geliebten Angehörigen begeben und dabei die Geschichte ihres Großvaters nachverfolgen, bekommt Geschichte eine ganz persönliche Bedeutung. Es ist kaum vorstellbar, was die Menschen damals erleben und durchmachen mussten. Umso bewegender ist es, wenn ein Mensch, der den Krieg überlebt hat, seine Geschichte an die nächste Generation weitergibt und diese sich heute auf die Suche nach seinen Spuren macht. Solche Begegnungen erinnern uns daran, dass Geschichte nicht nur aus Zahlen und Ereignissen besteht, sondern aus Menschen, ihren Schicksalen und ihren Erinnerungen“, so Stefan Heinrichs.